Ich wurde in der Vergangenheit schon einige Male gefragt, was denn in der Fotografie wichtiger ist: Das “Können” des Fotografen, oder die Kamera, die man benutzt. Meine Lieblingsantwort darauf lautet “Das Licht!”
Doch um tatsächlich auf die Fragestellung einzugehen, lautet die Antwort aus meiner Sicht: Kommt darauf an!
Ein unfairer Wettkampf
Ich möchte die Fragestellung mit einem konkreten Beispiel umrahmen: Ich habe von meinem Vater eine (sehr, sehr) kompakte Digitalkamera geerbt, eine Samsung Digimax A 502. Technische Daten: 5 MP auf einem 1/2.5″ Sensor (5,76 mm x 4,29 mm, ergibt 20 MP/cm²), 31 mm fixe Brennweite, also ohne optischem Zoom(!). Auf den Markt gekommen im Jahr 2005, letzter bekannter Preis lag bei rund € 125,- (heute nicht mehr erhältlich).
Mit dieser Kamera bin ich dann auf meine Terrasse gegangen, und habe folgendes Foto gemacht:
Als nächstes habe ich meine Canon EOS 5D Mark II genommen – 21 MP auf Vollformatsensor (36 mm x 24 mm, ergibt 2,4 MP/cm²), im Set gemeinsam mit dem EF 24-105 beträgt der aktuelle Kaufpreis rund € 3.000,-. Brennweite angepasst an die 31 mm der Samsung, und den Bildausschnitt identisch gesetzt, kam dabei das raus:
Vorweg für alle Perfektionisten des Pixelvergleichs: Nein, diese beiden Aufnahmen entstanden nicht unter möglichst exakten “Laborbedingungen”. Nein, ich habe noch nicht einmal ein Stativ verwendet! Ich habe einfach zwei Aufnahmen gemacht, so wie man sie für diesen Zweck im Alltag auch machen würde. Und ich denke, dass bei einem Vergleich von so ungleichen Brüdern keine Akribie notwendig ist.
Was sehen wir hier nun? Aus meiner Sicht in erster Linie, dass ein langweiliges, schlechtes Foto ein langweiliges, schlechtes Foto bleibt – egal mit welcher Kamera man es macht! Damit ist ein Teil der Antwort auf die Ausgangsfrage bereits gegeben: Wenn man kein Auge hat für interessante Motive, die wichtigsten Grundregeln für die Erstellung eines ansprechenden Fotos nicht einhält (sofern man sie nicht ganz bewusst(!) bricht), dann kann – wenig überraschend – die beste Kamera nichts daran ändern, dass man wohl immer langweilige Fotos machen wird.
Auf der anderen Seite, und wenn man das bescheidene Motiv und die Bildgestaltung mal weglässt: Sieht das untere Foto rein technisch um Faktor 24 (der Preisunterschied der beiden Kameras) besser aus?
Die Farben sind “anders”, das fällt – neben dem unterschiedlichen Bildformat (4:3 vs. 3:2) – wohl als erstes auf. Doch die Farben welches Fotos sind “besser” oder “richtiger”? Das Foto der Samsung hat eindeutig mehr Rotanteile, während das der Canon kühler wirkt. Doch welche Farben stimmen? Hat die Sonne zu diesem Zeitpunkt dem Dach den kräftigeren Rotton des oberen Fotos verpasst, oder nicht? Der Betrachter weiß das nicht, sofern er nicht bei der Aufnahme dabei war, und wird seinen diesbezüglichen Favoriten subjektiv wählen. Und ich bin mir sicher, dass nicht Wenige das Samsung-Foto wählen würden. (Natürlich wäre es ein Leichtes, die Farben des Canon-Fotos entsprechend anzupassen, vor allem da die Aufnahme als RAW entstand, und nur mit meinen üblichen Standardwerten in JPG konvertiert wurde. Und natürlich liegt der Verdacht nahe, dass die Farbabstimmung der Canon wohl die korrekte ist).
Bei weiterer Betrachtung sieht man, dass das Bild der EOS doch schärfer wirkt – wenngleich man dafür schon sehr genau schauen muss, bei Darstellung in dieser Größe. 24 mal schärfer? Wohl kaum, wäre auch nicht zielführend, denn dann wäre es maßlos überschärft.
Resümee: Aus beiden Fotos könnte man 10×15 Papierabzüge machen, bei denen der Unterschied minimal wäre.
Ins Detail
Ganz anders sieht es freilich aus, wenn man sich die 100% Detailansicht der Fotos ansieht. Dabei wird der gewaltige Unterschied in der Auflösung deutlich, auf dem Foto der Canon sind Details erkennbar, welche man am Foto der Samsung nicht einmal erahnen kann. Hier der jeweils gleiche Bereich aus den Fotos als 100%-Ausschnitt dargestellt:
Die Frage ist natürlich: Muss man das tun? Pixel suchen in den Tiefen eines Fotos? Nein, muss man nicht – wenn man nie mehr benötigt, als 10×15 Abzüge, oder sich die Fotos am (kleinen) Bildschirm anschaut. Je größer jedoch die Darstellung und/oder Abzüge werden sollen, umso mehr fällt der Qualitätsunterschied ins Gewicht. An den Druck eines großformatigen Posters braucht man bei Fotos von Kompaktkameras mit winzigen Sensoren und geringer Auflösung gar nicht erst denken. Auch kann man aus einem 21 MP Foto die Hälfte wegschneiden (“croppen”, was ja dann wie ein nachträgliches “Zoom” wirkt), und hat immer noch ausreichend Bildinformation zur Verfügung – wie man an dem Beispiel oben sehr deutlich sehen kann.
Weitere Argumente: Durch den erheblich größeren Sensor haben die Pixel mehr “Platz”, was zu deutlich geringerem Bildrauschen führt. Dadurch sind extrem hohe ISO-Werte möglich, was wiederum Aufnahmen möglich macht, die noch vor wenigen Jahren schlichtweg unmöglich waren. Denn auch der beste Fotograf kann die Physik nicht überlisten: Wenn ein Objekt sich schnell bewegt, wenig Umgebungslicht vorhanden ist, keine Möglichkeit für zusätzliche Beleuchtung, die Blende schon wie ein Scheunentor geöffnet, und trotzdem eine Belichtungszeit nötig wäre, welche unweigerlich zu (nicht gewollter) Bewegungsunschärfe führt, dann ist der noch so größte Starfotograf machtlos. Genauso, wie eben die beste Kamera nichts nützt, wenn die Wahl des Bildausschnitts verbockt wird. Oder der Fotograf die tolle Kamera leider nicht beherrscht…
Zugegeben, dieser Vergleich ist extrem unfair, das ist wirklich David gegen Goliath! Doch eben gerade deshalb finde ich, dass David sich erstaunlich gut schlägt. Doch daraus den Schluss zu ziehen, das einzig des Können des Fotografen über gutes oder schlechtes Foto entscheidet, fände ich trotzdem nicht legitim. Vielleicht könnte man als Kompromiss festhalten: Eine bessere Kamera zu haben, ist eindeutig kein Garant für bessere Fotos – wirklich schaden tut es aber auch nicht!